Haus

Das Gartenhaus ist innen und außen,
es ist alt und neu,
es ist in der Stadt und es ist Land.
Das Gartenhaus ist hoch über dem Wasser der Enns und nah am Wasser gebaut.
Es nimmt in Anspruch und regt an.

Das Gartenhaus ist ein Refugium.

Architektur

Dort, wo früher ein kleiner Platz die Schwelle zum mittelalterlichen Stadteingang des Ennsdorfes markiert hat, steht heute das Gartenhaus. Aus einem alten Bauernhaus, das bereits völlig baufällig war, entstanden, bildet es das Gegenüber zum historischen Zollhaus. Die Spuren waren etwas verwischt, der Bildstock, der einst imposant vor der bemalten Giebelwand des Zollhauses stand, wurde nach rechts versetzt, die Hecken sind der freien Fläche etwas zu nahe gerückt.

Die neue Gartenmauer zeichnet die enge Flucht der Haratzmüllerstraße nach, sie betont die Schwelle und springt auf Höhe des Zollhausgiebels zurück. Dadurch entsteht die Andeutung eines Platzes, der Bildstock sitzt nun wieder am Platz und der Zugang zum Gartenhaus, das man von hier nur als über die Mauer hinausragendes üppiges Grün verspürt, tritt klar, aber unaufgeregt als Platzecke in Erscheinung. Die wandhohe Tür aus Messing führt ein paar Stufen unterhalb hinein in den Eingangshof.

Mit abgeschotteter Geste sorgt das Areal für Stille, ist aber gleichzeitig offen für Gäste, die sich hier zurückziehen wollen, eintauchen in einen Ort des Seins. Wir benennen es Gartenhaus, weil das die Atmosphäre des mit dem intensiv erlebbaren Grün verschmelzenden Raumes abbildet. Uns gefallen die Worte Refugium, Laboratorium und Klausur, um den Inhalt zu beschreiben. Ein Refugium, das Fluchtsuchen zum Ausdruck bringt. Laboratorium, weil es die Lust auf konzentriertes Denken, Arbeiten und Experimentieren fördern soll. Klausur für die Menschen, die sich in Abgeschiedenheit zusammenfinden, um Kreativität zu entfalten.

Im eingefassten Garten steht das solitäre Bauernhaus, oder besser gesagt, das was davon übrig ist. Kindheitserinnerungen an Ruinen kommen einem in den Sinn. Die stehengebliebenen Außenmauern erzeugen einen großen Innenhof, in dem wiederum der neue Baukörper eingefügt wurde. Ein Haus im Haus also. Zwei Höfe, die sich unter dem kleinen Haus zu einem Raum verbinden.

Das neue Gebäude in sichtbar belassenem Beton durchdringt die alten Mauern aus Flusssteinen und Vollziegeln. Es zitiert am Ennsufer die historisch typischen Ausblickserker, deren Bedeutung im Überblick auf die Ländeflächen für Flosse lag. Das Ufer war früher der Hafen der Stadt. Straßenseitig bildet der Vorsprung eine Schlucht zwischen Mauerwerk und Betonwand aus, in dem eine schmale Treppe auf die Sonnenterrasse hoch führt. Die Stirnfläche des neuen Hauses trägt die Hausbank im Eingangshof. Unter einem Vordach, durch dessen Spalt an der Rückwand bei Regenwetter die dort hin geleiteten Dachwässer herunterfallen, steht ein Trog. Er sammelt Wasser für den Kräutergarten und kann als Kalter für Fische dienen. Von hier aus führt der Weg durch die alte Außenmauer direkt in den kleineren der verbliebenen Höfe der Ruine. Er ist glasüberdacht.

An dieser Stelle kann man das räumliche Gefüge sofort überblicken. Links im neuen Betonriegel liegen Gästezimmer, rechts hinter einer in der Textur des Mauerwerks durchlöcherten Wand liegt die Treppe vom Hof abgetrennt. Die Betonwand verdoppelt die Außenmauer, das Licht sickert durch die Löcher im Beton ein. Am unteren Austritt öffnet sich die Weite des Salons, die ganze Dimension der ausgehöhlten Ruine ist spürbar. Schützend begrenzt das neue Haus als Brücke den Raum nach oben, ein Betonofen trennt den introvertierten Ort der Ruhe vom Erker ab, welcher einen Wechsel in eine andere Atmosphäre anbietet. Er liegt nicht nur außerhalb der alten Mauern, sondern bezieht sich mit gezielten Ausblicken voll und ganz auf das Außen. Er lässt den Blick übers Wasser der Enns schweifen.

Der Garten ist auf seinen drei Ebenen logisch in Themen gegliedert. Im langgestreckten Sonnenhof stehen der Straße entlang Obstbäume, es wachsen Kräuter und Gemüse im einem Hochbeet, das gleichzeitig Brüstung an der Stützmauer ist. Ganz unten am Treppelweg prägt ein Nussbaum in der Wiese das Bild vom Bauernhaus. Dazwischen, auf dem Plateau der Fundamente eines noch länger verfallenen Hauses wächst ein Stück Wald, in dessen Schatten sich ein Meer aus Farnen ausbreitet. Hier kann man völlig ins Grüne eintauchen. Ein hoher Mauerschlitz öffnet den Hof zum Wald, Blicke ins Innere lassen sich erhaschen. Hier wird die Aura des Gartenhauses am stärksten spürbar. Es hat die Anmutung einer kleinen Burg.

Geschichte

Immer wieder war Gernot Hertl an der Liegenschaft vorbei spaziert. Die Enge, die Steilheit aber auch die schwierige Belichtungssituation am Nordhang wirkten zunächst abschreckend. Aber je öfter er sich dort umsah, desto mehr erkannte er das verborgene Potential, das an diesem Ort schlummerte. Der freie Ausblick auf das smaragdgrüne Wasser der Enns, das immer andere Lichtstimmungen reflektiert. Die Lage unmittelbar am Flussufer und doch in der Stadt. Der schöne Altbaumbestand, der im Sommer Kühle und Schatten spendet. Eigentlich suchte die Familie nur ein Gartenhäuschen am Land, um im Sommer mit den Kindern Zeit im Grünen verbringen zu können – als Ausgleich zum urbanen Wohnen im Hochhaus.

Aber Gernot Hertl liebt die Herausforderung, Besonderes zu schaffen und so entschied er sich, die Liegenschaft an der Enns als Dependance des Architekturbüros zu erwerben. Sein Plan war einfach wie genial und mit Sicherheit absolut unorthodox. Statt Nutzflächenmaximierung erfolgte eine radikale Reduktion. Er begann zunächst Dach und Decken abzutragen, um den Altbau komplett zu entkernen und auszuhöhlen. Das Kellergewölbe wurde erhalten. Am Ende blieben nur die Außenmauern des Bestandsgebäudes stehen, die nun über zwei Geschosse einen großzügigen, von oben lichtdurchfluteten Innenhof umschließen. Aus statischen Überlegungen wurden diese alten Mauern durch einen 2 Meter hohen Sichtbetonrost ergänzt.

„Wenn man beginnt den Putz abzuschlagen, beginnt das Gebäude Geschichten zu erzählen“, berichtet Gernot Hertl. Also wurden die alten Mauern komplett vom Putz befreit und verwandelten sich zu lebendigen, abwechslungsreich strukturierten Flächen. Die ersten Gebäudeteile gehen auf die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück. Später wurde im Osten und Westen dazu gebaut und das Gebäude auf die heutige Dimension vergrößert. Verbaut wurde, was Vorort vorhanden war. So bestehen die Mauern des Untergeschosses aus Bruchsteinmauerwerk aus dem Sandstein der Enns, ergänzt durch Findlinge aus dem Flussbett. Im Obergeschoss hatte man hingegen Ziegel vermauert.

Wer nun vom Flussufer aus den Blick auf das Gebäude hat, den beeindruckt die Reduktion auf das Wesentliche, die Harmonie des wunderbar frei gelegten, alten Gemäuers mit der Durchdringung des neuen Gartenhauses in all seiner Schlichtheit aus gegossenem Beton. Und man kann sich schon vorstellen wie Jazzkonzerte in lauen Sommernächten swingen und Vernissagen-Publikum durch die Höfe flaniert. Es sollte ein „Ort des Seins“ werden, wie Gernot Hertl sagt. Es ist ein Ort der Inspiration geworden!
Volker Dienst

Räume

Die historische Hüllmauer wird durch einen schlichten Sichtbetonkörper – dem „Gartenhaus“ im Norden und Süden durchdrungen. Dieses überragt auch den umlaufenden Betonrost um ein gutes, halbes Geschoss. Keine Dämmung, keine vorgesetzte Fassade – purer Beton, der nur sparsam durch in der Größe variierende, quadratische Fensteröffnungen durchbrochen wird. Und nur dort, wo dies besondere Sichtbezüge erfordern.

Durch das Einschieben des neuen Gartenhauses wurde der Hofraum zweigeteilt. Im Westen entstand ein großzügiger, nach oben offener Hof – eine Piazza mit gestockter Betonoberfläche. An drei Seiten vom historischen Gemäuer umrahmt, das nur zum westlichen Wäldchen hin eine schlanke, hohe Öffnung aufweist. In dieser Ecke wurde ein Baum gesetzt, denn „ein Hof ohne Baum ist kein Hof“ ist Hertl überzeugt. Östlich wird dieser Hof im Obergeschoß durch die Betonfassade des neuen Gartenhauses begrenzt, während im Untergeschoss der Salon situiert ist, der sich durch eine raumhohe Glasfassade zum Hof hin öffnet. Mit Kochzeile, großem Tisch und Sichtbetonkamin. So können künftig Hof und Salon auch für Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen gemietet, aber auch als Präsentationsraum für Hertl Architekten genutzt werden. Nur dort, wo im Norden das neue Gartenhaus die alte Hülle erkerartig durchdringt ist auch ein Blickbezug nach außen auf den wunderbaren Flusslauf der Enns möglich.
Volker Dienst

Garten

Der Garten war der Ursprung des Projektes, er ist als Namensgeber geblieben.
Er bestimmt auch heute die Atmosphäre im Refugium.

Freiräume unterschiedlicher Qualitäten sind das Motiv, das Gartenhaus zu durchwandern:
Der Eingangshof mit Gartenbank und Wassertrog, der Obst- und Kräutergarten, das Sonnendeck, der Ulmenwald mit einem Meer aus Farnen, der Hof in der Ruine und die Wiese unterm Nussbaum.